Cash Management und Trade Finance, Expertise und Innovation: Wie Banken ihre Kunden in einer sich schnell verändernden Welt unterstützen
In Zeiten geopolitischer Spannungen, digitaler Disruption und sich wandelnder Handelsströme ändern sich auch die Kundenanforderungen an Cash Management und Trade Finance.
In diesem Interview spricht Brigitte Réthier, Bereichsvorständin Institutional Clients & Transaction Banking Sales, darüber, wie die Bank lokale Expertise, globale Exzellenz und modernste Lösungen kombiniert, um ihre Kunden dabei zu unterstützen, sich in einem schnelllebigen Umfeld anzupassen, Innovationen voranzutreiben und erfolgreich zu bestehen.
Frau Réthier, angesichts geopolitischer und makroökonomischer Veränderungen stellen Unternehmen ganz neue Anforderungen an Cash Management und Trade Finance. Sie sind mit Komplexität konfrontiert und wollen gleichzeitig weiter wachsen. Was genau erwarten unsere Kunden in diesem Umfeld von ihrer Bank?
Brigitte Réthier (BR): Das Marktumfeld ist dynamisch. Vor allem geopolitisch komplexe Situationen sowie die anhaltende nachhaltige und digitale Transformation zwingen sowohl Banken als auch Unternehmen dazu, ihre Strategien und Pläne auf den Prüfstand zu stellen. Angesichts des wiederkehrenden Protektionismus und neuer Zölle richten sich die globalen Lieferketten neu aus. Zusätzlich verkompliziert wird die Lage durch das dynamische Sanktionsumfeld.
Darüber hinaus erleben wir grundlegende Umbrüche wie die grüne Transformation, die digitale Revolution und die künstliche Intelligenz (KI), die das Betriebs- und Wettbewerbsumfeld von Unternehmen verändern. So ergab eine Umfrage im deutschen Mittelstand, die wir im Rahmen unserer jüngsten Unternehmerperspektiven-Studie durchgeführt haben, dass über 50 Prozent der Unternehmen verstärkt in KI und 39 Prozent in nachhaltige oder grüne Technologien investieren wollen.
Kunden brauchen heute mehr als nur eine klassische Finanzierung; sie suchen nach langfristigen Geschäftspartnern, die ihnen helfen, gut durch volatile Zeiten zu kommen, sich an strukturelle Veränderungen anzupassen und zu wachsen. Im Umkehrschluss bedeutet das: Wir müssen nicht nur innovative Lösungen bieten, sondern auch Expertise und Weitblick. Nur damit können in unserer schnelllebigen Welt fundierte Entscheidungen getroffen werden. Herausforderungen und Disruption bergen oft neue Chancen. Wenn wir nah an unseren Kunden sind, können wir ihnen dabei helfen, diese Chancen zu erkennen und zu ergreifen.
Die Digitalisierung ist in der Transformation des Zahlungsverkehrs ein Schlüsselfaktor. Wie passt die Commerzbank ihre Cash Management Dienstleistungen an die sich verändernde Kundennachfrage an?
BR: Durch die Digitalisierung der Zahlungslandschaft sind Schecks und Bargeld heute deutlich weniger gefragt. Gleichzeitig hat die Digitalisierung den Weg geebnet für Echtzeitzahlungen und vollkommen neuen Produkten wie dem digitalen Zentralbankgeld. Im Zuge dessen haben sich auch unsere inländischen und grenzüberschreitenden Zahlungsgewohnheiten verändert. Unsere Kunden können Transaktionen heute einfacher, schneller und transparenter tätigen.
In Zukunft wird tokenisiertes oder digitales Geld eine größere Rolle spielen. Gemeint ist damit eine digitale Abbildung von Geld, die auf einer Blockchain bzw. mithilfe von Distributed-Ledger-Technologie gespeichert wird. Die Commerzbank ist hier an einflussreichen Initiativen beteiligt. Dazu zählt das von der BIZ geleitete Projekt Agorá, in dessen Rahmen öffentliche und private Institutionen gemeinsam erforschen, wie die Tokenisierung grenzüberschreitende Zahlungen verbessern kann. Ein weiteres Beispiel ist Fnality, ein Konsortium mehrerer internationaler Großbanken, das aktuell eine Blockchain-basierte Lösung zur Abwicklung von Zahlungen in Zentralbankgeld für mehrere Währungen entwickelt.
Apropos Trade Finance: Wie kommt die Digitalisierung in diesem Bereich voran?
BR: In der Vergangenheit hat sich der Trade Finance Bereich langsamer angepasst als der Zahlungsverkehr. Aktuell sehen wir jedoch große Fortschritte. Bei Banken, Softwareanbietern und Unternehmen kommen immer mehr Technologien zum Einsatz, um Transaktionen zu verschlanken, die Transparenz zu erhöhen und Prozesse effizienter zu gestalten – von optischer Schriftzeichenerkennung (OCR), über KI bis zur Distributed-Ledger-Technologie (DLT).
Schnittstellen wie die von Swift und der Internationalen Handelskammer (ICC) entwickelte standardisierte API für Bankgarantien sind für eine nahtlose, effiziente Abwicklung ebenso wichtig wie die Einhaltung anerkannter Normen.
Zwar ist die zugrunde liegende Technologie nicht neu, ihre Akzeptanz am Markt und ihre Umsetzung im Ökosystem für Trade Finance nimmt jedoch jetzt an Fahrt auf. Das ist ein dynamischer Umbruch, der beschleunigte Entwicklungszyklen und schnellere Transformationen innerhalb des Ökosystems für Trade Finance zur Folge hat.
Die Abwicklung von Handelstransaktionen verändert sich auch durch den Einsatz elektronischer Handelsdokumente. Und das auf mehreren Ebenen. Einfache Verwaltungsdokumente sind heutzutage häufig digitalisiert und das elektronische Konnossement (eBL) gewinnt immer mehr an Bedeutung.
Als einer der führenden Trade Finance Anbieter wollen wir unsere Kunden und Partner bei der digitalen Transformation im Trade Finance Bereich unterstützen. So haben wir beispielsweise in Europa und Asien Pilotprojekte auf den Weg gebracht, um großen Firmenkunden dabei zu helfen, elektronische Konnossements in ihre Handelsprozesse zu integrieren. Auch wächst die Nachfrage nach inländischen digitalen Garantien. Durch die Zusammenarbeit mit unserem Partner Digital Vault Services (DVS) können wir sie seit Beginn des Jahres bedienen und werden diese Möglichkeit im 4. Quartal auch für Auslandsavale anbieten.
Darüber hinaus beteiligen wir uns aktiv an Branchengesprächen und arbeiten beispielsweise mit Swift und der Internationalen Handelskammer zusammen. Wir fordern ein verständliches, standardisiertes Rahmenwerk, mit dem es für Banken leichter werden wird, die für den digitalen Handel notwendige Infrastruktur aufzubauen.
Lassen Sie uns nun zur Regulierung kommen. Wie können Regulierung und Innovation gemeinsam den Zahlungsverkehr nach vorn bringen?
BR: Es ist ganz entscheidend, dass wir die richtige Balance zwischen Regulierung und Innovation finden. Durch Regulierung werden Standards und Vorsichtsmaßnahmen aufgestellt, die für Konsistenz sorgen und damit auch für Vertrauen. Durch Innovation entstehen hingegen Lösungen, mit denen sich Effizienz und Resilienz steigern sowie der Fortschritt vorantreiben lassen. Die europäische Regulierungslandschaft entwickelt sich stetig weiter. Dabei wird sie angetrieben von aufsichtsrechtlichen Initiativen wie der Instant-Payments-Verordnung der EU, die im April 2024 in Kraft getreten ist und die Nutzung grenzüberschreitender Echtzeitzahlungen in Europa fördern soll. Hier bereiten wir gerade intensiv die Implementierung aller regulatorischen Anforderungen vor, die zum 09.10.2025 in Kraft treten. Exemplarisch ist die Verification of Payee (VoP), also der Abgleich von IBAN und Name des Zahlungsempfängers, zu nennen.
Auch die Regulierung in den Bereichen Open Banking und Open Finance entwickelt sich kontinuierlich weiter. APIs sind nun fest etabliert und wirken sich auf die Dienstleistungen aus, die wir unseren Kunden anbieten können.
Ein weiteres zentrales Element ist der globale Zahlungsverkehrsstandard ISO 20022. Er unterstützt sowohl inländische als auch grenzüberschreitende Zahlungen und sorgt für umfangreichere, besser strukturierte Daten. Damit ermöglicht er einen effektiveren Abgleich, bessere Betrugserkennung, regulatorisches Reporting und wirksamere Analysen. Gleichzeitig zahlt der Standard auf die weiter gefassten Ziele des G20-Fahrplans für ein stärkeres grenzüberschreitendes Zahlungssystem ein.
Es steht außer Frage, dass Regulierung und Innovation gemeinsam neue Chancen eröffnen. Mit spezialisierten KI-basierten Betrugspräventionssystemen lassen sich Sicherheit und Effizienz steigern. Es wird geprüft, wie die Blockchain-Technologie eingesetzt werden kann, um mehr Transparenz, eine bessere Nachverfolgbarkeit und eine höhere Abwicklungsgeschwindigkeit zu erreichen. Und digitale Vermögenswerte verändern nach und nach, wie Werte gespeichert und übertragen werden.
Mit Blick auf sich wandelnde globale Handelsströme, wie können Banken ihre Kunden denn am besten beim Umgang mit sich verändernden Marktbedingungen und Lieferkettenbewegungen unterstützen?
BR: Der Welthandel ist seit jeher von Veränderung geprägt. Im Unterschied zu früher treten Veränderungen heute aber wesentlich schneller und häufiger auf, wodurch Unternehmen sich schneller anpassen müssen. Wir beobachten, wie Strategien im Lieferkettenmanagement weiterentwickelt werden, zum Beispiel vom „Nearshoring“ zum „Friend-“ oder „Allyshoring“. Dabei arbeiten Unternehmen vorrangig mit Ländern zusammen, die ähnliche Werte, Institutionen und strategische Prioritäten haben.
Wir Banken müssen uns auf diese neue Realität – und die Chancen, die mit schnellem Wandel einhergehen – einstellen. Das bedeutet: Wir müssen zügiger und flexibler werden und jederzeit bereit sein, uns auf neue Kundenanforderungen einzustellen. Das geht zum Beispiel über die Digitalisierung, die wir als Kernelement unserer Strategie definiert haben.
Doch auch die Grundlagen haben nichts von ihrer Bedeutung verloren: Denn nur mit umfassenden Fachwissen im Bereich der Trade Finance, internationaler Reichweite und langjähriger Erfahrung können wir unseren Kunden auch in komplexen Situationen zur Seite stehen, egal ob sie neue Märkte betreten oder bestehende Marktpositionierungen überdenken. Die Commerzbank zeichnet in diesem Zusammenhang insbesondere ihr weitreichendes globales Netzwerk und ihre Trade Finance Expertise aus, die sie über die letzten 155 Jahre auf- und ausgebaut hat. Wir sind selbst weltweit vor Ort präsent und können darüber hinaus auf ein großes Netzwerk an Partner- und Korrespondenzbanken zählen. Beides wird auch künftig von Relevanz sein, wenn neue Handelskorridore entstehen.
Ein Beispiel hierfür ist der Ausbau unseres Netzwerks von Repräsentanzbüros. Vor ein paar Jahren haben wir Repräsentanzen in Marokko und Jordanien eröffnet und wir sind nun auch in Litauen und Pakistan vor Ort. Entscheidend dabei war, zu sehen, wie sich die Handelsströme unserer Kunden entwickeln und zu bestimmen, wie wir sie am besten unterstützen können.
Die Commerzbank hat vor Kurzem ihre Strategie „Momentum“ eingeführt. Inwiefern hilft diese Strategie der Bank, die Kundenanforderungen der Zukunft zu erfüllen?
BR: 2024 war für die Commerzbank ein Rekordjahr und mit unserer Strategie „Momentum“ liegt unser Fokus ganz klar auf der Zukunft. Wir werden uns noch stärker auf das konzentrieren, was wir am besten können. Dazu gehört auch, sicherzustellen, dass wir ein starker, zukunftsorientierter Bankpartner bleiben. Kern der Strategie ist unser Bestreben, weiterhin exzellenten Service im Cash Management und im Trade Finance anzubieten – über unser gesamtes globales Netzwerk hinweg.
Unser Team aus Experten in Deutschland und an mehr als 40 internationalen Standorten verfügt über beste Voraussetzungen, um unseren Kunden die Leistungen und die Beratung zu bieten, die sie benötigen, um erfolgreich zu sein – und zwar egal, in welcher Zeitzone sie sitzen oder in welchen Märkten sie aktiv sind.
Beispiele für die Ziele der „Momentum“-Strategie sind eine noch engere Beziehung zu unseren Mittelstands- und großen Firmenkunden sowie eine Ausweitung unseres Geschäfts mit deutschen Kunden in den USA und in Asien. Zudem bauen wir in diesen Regionen aktiv unsere Präsenz in ausgewählten Sektoren aus.
Wir legen weiterhin großen Wert auf ein Netzwerk, das dem Wandel im Welthandel Rechnung tragen kann – durch unsere internationalen Standorte, unsere Repräsentanzen und unsere Partnerschaften mit Korrespondenzbanken. Egal, wo unsere Kunden hingehen und wie sich das Umfeld verändert – wir wollen die Bank an ihrer Seite sein. Wir sind beständig, verlässlich und jederzeit bereit, die Ziele unserer Kunden zu unterstützen.
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