Commerzbank Rohstoffradar
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Radar im Überblick
Fokusrohstoff Gas, Europäischer Gasmarkt vorerst angespannter als vor dem Iran-Krieg
Gaspreise geben nach – Risiken bleiben
Nach Unterzeichnung des Rahmenabkommens zwischen den USA und dem Iran haben sich die Gaspreise in Europa und Asien wieder deutlich beruhigt. Zu Beginn des Iran-Krieges hatten sie sich nahezu verdoppelt. Kurzfristig könnte der Preis zunächst weiter nachgeben, wenn sich die Transportrouten stabilisieren und die Lieferungen aus der Region wieder zunehmen. Fraglich bleibt, wie schnell sich der Verkehr durch die Straße von Hormus normalisieren kann. So erscheint beispielsweise die im 14-Punkte-Rahmenabkommen vorgesehene Frist zur Minenräumung von 30 Tagen sehr ambitioniert. Aber auch die vergleichsweise leeren Gasspeicher und eine vermutlich hohe Gasnachfrage zur Stromerzeugung in den Sommermonaten dürften den Gaspreis stützen.
Warum Europas Gaspreis am globalen LNG-Markt hängt
Für die hohen Preise seit Beginn des Iran-Krieges spricht auch der enge Verbund zwischen dem europäischen Gaspreis TTF und dem asiatischen LNG-Referenzpreis JKM. Zwar ist der asiatische Raum deutlich stärker von physischen Lieferungen aus der Golfregion abhängig. So importierte die Region Asien-Pazifik durchschnittlich knapp 11 Prozent ihres Gesamtverbrauchs aus dem Nahen Osten, während Europa von dort nur knapp 3 Prozent seines Verbrauchs bezog. Zudem dürfte es selbst in den stärker abhängigen europäischen Ländern zu keiner Gasknappheit kommen, da die absolute Abhängigkeit meist geringer ist.
Der Gleichlauf zwischen TTF und JKM erklärt sich aber weniger durch die direkte Abhängigkeit Europas von Gasimporten aus dem Nahen Osten als vielmehr durch die globale Preisbildung am LNG-Markt. Europa und Asien konkurrieren um dieselben flexibel verfügbaren LNG-Mengen. Steigt in Asien aufgrund höherer Versorgungsrisiken die Zahlungsbereitschaft, müssen europäische Käufer ebenfalls höhere Preise akzeptieren. Nur so können sie ausreichend LNG-Lieferungen anziehen. Hinzu kommt ein Risikoaufschlag für mögliche Störungen wichtiger Transportrouten sowie für Verzögerungen beim globalen Kapazitätsausbau. Die europäische Versorgungslage bleibt zwar vergleichsweise komfortabel, doch der europäische Gaspreis kann sich dem globalen LNG-Preissignal kaum entziehen.
Gaspreis in EUR je MWh
Mehr LNG-Angebot könnte den Markt entlasten
Vor dem Krieg konnte die LNG-Produktion jedoch im Zeitraum von Oktober 2025 bis Februar 2026 deutlich hochgefahren werden, insgesamt um 12 Prozent gegenüber dem gleichen Zeitraum des Vorjahres. Laut der Internationalen Energieagentur (IEA) ist dies weitgehend auf den Kapazitätsausbau in Nordamerika und Afrika zurückzuführen. Auch in den kommenden Jahren dürfte der Kapazitätsausbau, vor allem in den USA, zu spürbaren Entlastungen am Gasmarkt führen. Mittelfristig dürfte der europäische Gaspreis davon profitieren und weiter zurückgehen.
Drei Risiken begrenzen den Preisrückgang
Der Preisrückgang dürfte jedoch kurzfristig durch drei Faktoren gebremst werden:
- 1.Angebotsseite: Die Einschränkungen der katarischen LNG-Produktion und die Verzögerung beim Kapazitätsausbau dürften das globale Angebot länger belasten.
- 2.Speicherlage: Die europäischen Gasspeicherfüllstände sind relativ gering.
- 3.Nachfrageseite: El Niño könnte in Teilen Asiens zu überdurchschnittlich hohen Temperaturen führen und damit die LNG-Nachfrage erhöhen.
Zu 1.: Im Iran-Krieg sind Schäden an den katarischen LNG-Anlagen entstanden. Nicht nur dürfte die Produktionskapazität laut dem katarischen Staatskonzern Qatar Energy für die nächsten drei bis fünf Jahre um etwa 17 Prozent eingeschränkt sein. Hinzu kommt, dass eine Ausweitung der Produktionskapazität, die für dieses und nächstes Jahr geplant war, um mindestens ein Jahr verschoben wurde. Derzeit ist geplant, ab 2028 (statt 2027) zusätzlich knapp 40 Mrd. Kubikmeter LNG pro Jahr zu produzieren, was knapp 22 Prozent der aktuellen LNG-Produktion Katars entspricht.
Zu 2.: Die europäischen Gasspeicher sind derzeit nur zu 46 Prozent gefüllt, knapp 14 Prozentpunkte weniger als im Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre. Nimmt man die Tagesveränderung der letzten fünf Jahre als möglichen Pfad für den Verlauf des Gasspeicherfüllstands, dürften die Speicher Ende Oktober in der Spitze nicht einmal zu 75 Prozent gefüllt sein. Das wäre das niedrigste Niveau seit Beginn der Datenreihe 2009 und damit noch etwas niedriger als die 77 Prozent, die Ende Oktober 2021 erreicht wurden. Die jüngste Hitzewelle, die den Klimatisierungsbedarf steigen lässt, könnte zudem zu einer erhöhten Gasnachfrage aus dem Stromsektor führen und damit den Aufbau der Vorräte zusätzlich verlangsamen. Dies ist insofern kritisch, als die Gasspeicher in Europa aktuell eigentlich für den Winter gefüllt werden müssten.
Zu 3.: Das Wetterphänomen El Niño könnte in den kommenden Monaten zu Extremwetterereignissen führen. Eine starke Hitzewelle und der damit verbundene vermehrte Einsatz von Klimaanlagen könnten die Stromnachfrage auch im asiatisch-pazifischen Raum steigen lassen. Dadurch dürfte der Einsatz von Gaskraftwerken zunehmen — mit entsprechendem Aufwärtsdruck auf die Gaspreise.
Gaspreise bleiben voraussichtlich erhöht
Bei einer erhöhten Gasnachfrage – sei es in Europa selbst oder in Asien – könnte sich die Lage aufgrund der anhaltenden Angebotsprobleme infolge des Iran-Konflikts als schwierig erweisen. Folglich dürften auch die Gaspreise auf einem höheren Niveau verbleiben. Wir erwarten deshalb einen europäischen Gaspreis zum Jahresende bei 45 EUR je MWh.
Quelle: Commerzbank Research 07.07.2026
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