Commerzbank Rohstoffradar
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Radar im Überblick
Fokusrohstoff Diesel, Dieselmarkt unter Druck: Reichen die Reservefreigaben aus?
Der Dieselpreis erreichte Mitte September Rekordstände – in Europa bei rund 1.600 USD je Tonne bzw. 215 USD je Barrel und in den USA bei 220 USD je Barrel. Wesentliche Treiber waren die gestiegenen Ölpreise infolge der noch immer zumindest teilweise gesperrten Straße von Hormus und der zusätzlichen Blockade der Straße von Bab al-Mandab durch die Huthi-Rebellen, welche die Umleitung saudi-arabischer Exporte über den Hafen Yanbu am Roten Meer erheblich erschwert. Hinzu kamen deutlich gestiegene Crack-Spreads – also die Differenz zwischen dem Preis für Diesel beziehungsweise Gasöl und dem Rohölpreis – in Europa auf mehr als 90 USD und in den USA auf fast 120 USD je Barrel. Auch die stark fallende Gasöl-Terminkurve signalisierte Knappheit. Anfang Oktober haben deshalb die G7-Staaten eine weitere Freigabe strategischer Reserven angekündigt. Ob die angekündigten Reservefreigaben ausreichen, um die angespannte Marktlage dauerhaft zu entschärfen, ist allerdings fraglich.
Reduziertes Angebot aus dem Mittleren Osten und Russland
Maßgeblich für die starken Preissteigerungen sind die reduzierten Lieferungen aus dem Mittleren Osten und aus Russland, die vor dem Iran-Krieg rund 45 Prozent des weltweiten seewärtigen Exportangebots ausmachten. So exportierte die Golfregion im August laut der Internationaler Energieagentur (IEA) nur noch 390 Tsd. Barrel Mitteldestillate pro Tag, was lediglich einem Viertel des Vorkriegsniveaus entsprach. Ausschlaggebend für die reduzierten Lieferungen von Diesel sind eingeschränkte Raffinerie- und Exportkapazitäten infolge kriegsbedingter Schäden und blockierter Exportrouten. Anders als am Rohölmarkt gab es am Dieselmarkt kaum Möglichkeiten, die Blockaden zu umgehen. Das galt sowohl für sogenannte Dark Transits – also für Durchfahrten mit ausgeschaltetem Transponder, die auf dem Radar nicht zu sehen sind – als auch für Schiff-zu-Schiff-Transfers. Bei diesen passieren kleinere Schiffe die Meerenge und verladen ihre Ladung davor auf große Tanker. Europa, das 2025 noch rund ein Drittel seiner Dieselimporte aus dem Mittleren Osten bezog, ist besonders betroffen. Hinzu kommt, dass Russland Anfang Juli ein Diesel-Exportverbot verhängt hatte, das seither mehrfach verlängert wurde und aktuell bis Ende Oktober gelten soll. Hintergrund sind verstärkte ukrainische Drohnenangriffe auf russische Raffinerien und die daraus resultierende Kraftstoffknappheit. Zuvor exportierte Russland laut dem Datenanbieter Kpler rund 800 Tsd. Barrel Diesel pro Tag und war nach den USA der zweitgrößte Exporteur. Obwohl Europa seit mehr als drei Jahren keinen russischen Diesel mehr bezieht, trifft die Verknappung auch den europäischen Markt. Denn frühere Abnehmer wie die Türkei, Nordafrika und Lateinamerika konkurrieren nun anderswo mit europäischen Importeuren um das reduzierte Angebot auf dem Weltmarkt.
Zusammengenommen fehlten dem Markt im August laut IEA verglichen mit Februar täglich knapp 1,6 Mio. Barrel Diesel. Die Knappheit zeigt sich in den Lagerbeständen: In Amsterdam-Rotterdam-Antwerpen liegen die Gasölvorräte gut 20 Prozent unter dem saisonüblichen Niveau und auf dem niedrigsten Stand seit 2022.
Dieselpreis in USD je Barrel
Höhere Exporte aus den USA und China entlasten den Markt
Die hohen Ausfälle wurden allerdings teilweise aufgefangen. So lagen die weltweiten Dieselexporte im August laut IEA und Kpler mit 4,6 Mio. Barrel pro Tag „nur“ 500 Tsd. Barrel unter dem Vorjahresniveau. Vor allem die USA erhöhten ihre Dieselexporte und führten im August mit knapp 1,8 Mio. Barrel pro Tag immerhin rund 550 Tsd. Barrel mehr aus als im ersten Quartal. Auch China sorgte für Entlastung. Die Ausfuhren stiegen im August laut Zollbehörde auf 1,33 Mio. Tonnen bzw. 320 Tsd. Barrel pro Tag – den höchsten Monatswert seit fast zweieinhalb Jahren und 240 Tsd. Barrel pro Tag mehr als im Durchschnitt des zweiten Quartals.
Doch auf Dauer ist das Niveau wohl nicht durchhaltbar: In den USA ließ die Exportdynamik zuletzt schon nach, weil die US-Lagerbestände von Mitteldestillaten infolge der hohen Exporte laut Daten der US-Energiebehörde Energy Information Administration (EIA) auf das niedrigste Niveau zu dieser Jahreszeit seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1982 abgesunken sind. Die EIA befürchtet, dass die Destillatebestände unter die Marke von 100 Mio. Barrel fallen und bis weit in das kommende Jahr unter den jeweiligen Tiefstständen der Jahre 2021 bis 2025 bleiben. Hinzu kommt, dass die nachfragestarken Wintermonate bevorstehen und die US-Raffinerien kaum noch die Möglichkeit haben werden, die Rohölverarbeitung zu steigern. Auch China wird das hohe Exportniveau voraussichtlich nicht halten können, wenn weniger Rohöl aus dem Mittleren Osten zur Verfügung steht oder verschärfte US-Sanktionen den Zugang zu russischem Öl erschweren. Zuletzt gab es Berichte, wonach chinesische Raffinerien im Oktober Exporte von Ölprodukten ausgesetzt hätten, um die Lagerbestände aufzubauen.
Reservefreigaben verschaffen dem Dieselmarkt vorerst Luft
Angesichts der rekordhohen Preise am Dieselmarkt hatte US-Präsident Trump einen US-Exportstopp angedroht. Ein solcher Exportstopp hätte zwar die US-Preise kurzfristig gedämpft. Zu bedenken war aber, dass die US-Raffinerien in diesem Fall auf hohe Margen verzichten müssten und entsprechend ihre Verarbeitung senken könnten, wodurch auch die US-Benzinproduktion sinken würde. US-Energieminister Wright zeigte sich deshalb hinsichtlich möglicher positiver Preiseffekte skeptisch.
Die US-Regierung hat daraufhin einen anderen Weg eingeschlagen und die anderen G7-Staaten gedrängt, weitere Reserven in Höhe von 100 Mio. Barrel innerhalb der nächsten vier Monate freizugeben. Die Dieselvorräte wurden explizit erwähnt: Sie sollen in den ersten 20 Tagen freigegeben werden. Nicht klar ist allerdings, wie viel Diesel freigegeben wird. Fest steht bislang lediglich, dass knapp 30 Prozent der strategischen Vorräte der OECD-Länder auf Ölprodukte entfallen. Da rund 87 Prozent dieser Bestände in Europa vorgehalten werden, liegt die Verantwortung für weitere Freigaben vor allem bei den europäischen Ländern.
Aber auch wenn die europäischen Länder großzügig Diesel aus den Reserven freigeben sollten und ein US-Exportstopp damit fürs Erste abgewendet wäre, droht dem Dieselmarkt ein schwieriger Winter, sofern sich die Lage im Mittleren Osten nicht entspannt. Schließlich ist angesichts der verstärkten Drohnenangriffe auf russische Raffinerien kein Ende des Diesel-Exportverbots in Russland in Sicht. Dieses wurde zuletzt zum dritten Mal bis Ende Oktober verlängert.
Quelle: Commerzbank Research 07.10.2026
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