Blick ins Ausland
, Rasantes Wachstum und zunehmende Industrialisierung: Indien zieht verstärkt internationale Investitionen an

Dank eines starken Binnenmarkts, junger Arbeitskräfte und des schnellen Ausbaus der Infrastruktur wandelt sich das südasiatische Land sehr dynamisch.

Franz-Josef Murr, Regional Head of Financial Institutions Asia, und Sham Mehra, Chief Representative der Commerzbank in Indien, zeigen auf, warum neue Handelsabkommen und erhebliche inländische Investitionen neue Chancen für international tätige Unternehmen in Indien schaffen und wie man in Indien erfolgreich sein kann.

Die Triebkräfte der wirtschaftlichen Entwicklung Indiens kommen in erster Linie von innen: anhaltend hohe inländische Investitionen, eine junge und rasant wachsende Erwerbsbevölkerung und eine Regierung, die mit aktiven Co-Investments gezielt einzelne Sektoren langfristig fördern will. Internationale Unternehmen, die in Indien tätig werden wollen, brauchen ein klares Verständnis der regionalen Vielfalt des Landes und des regulatorischen Umfelds.

Wenige Volkswirtschaften haben in den letzten zehn Jahren einen ähnlichen Wachstumspfad beschritten wie Indien – schon gar nicht in dieser Größenordnung. Mit einem durchschnittlichen BIP-Wachstum von 6,7 Prozent in den letzten zehn Jahren könnte die derzeit fünftgrößte Volkswirtschaft der Welt in den nächsten 20 Jahren1 in die Kategorie „Upper Middle Income Economy“ der Weltbank aufsteigen.

Ein Teilaspekt dieses Wachstums ist Indiens günstige Demografie: Etwa 60 Prozent des mit rund 1,5 Milliarden Einwohnern bevölkerungsreichsten Landes der Welt sind jünger als 26 Jahre. Diese junge, wachsende Erwerbsbevölkerung bildet eine Grundlage für die Ambitionen und die Produktivität des Landes und trägt somit zum wirtschaftlichen Erfolg bei.

EU-Handelsabkommen: Der indische Markt ist wichtiger für Europa als jemals zuvor

Das im Januar 2026 nach jahrzehntelangen Verhandlungen unterzeichnete Freihandelsabkommen mit der EU belegt das große weltweite Interesse an einer Zusammenarbeit mit Indien. Die großen geopolitischen Umwälzungen unserer Zeit, die einige der traditionelleren Wirtschaftsbeziehungen Europas infrage stellen, haben die EU zu einer Neubewertung ihrer Handelspartnerschaften veranlasst.

Indien ist in diesem Zusammenhang nicht nur ob seiner Größe eine attraktive Wahl. Nur wenige konkurrierende Schwellenländer bieten eine vergleichbare Verlässlichkeit hinsichtlich Rechtssystem und Regulierung. Die solide Regulatorik der Reserve Bank of India bietet ausländischen Unternehmen einen starken Schutz. Klare Bedingungen für den Einstieg und – noch wichtiger – den Ausstieg aus dem Markt sind ein wichtiger Faktor bei langfristigen Investitionsentscheidungen; in dieser Hinsicht schneidet Indien besser ab als seine Nachbarländer.

Tatsächlich durchlief das Abkommen die politischen Instanzen weitaus reibungsloser als EU-Abkommen mit anderen Wirtschaftsräumen, beispielsweise mit dem Mercosur. Berichten zufolge laufen derzeit auch Verhandlungen über ein Handelsabkommen zwischen Indien und den USA.

Europäischen Unternehmen, allen voran dem deutschen Mittelstand, bietet sich insbesondere die Chance, einen großen Verbrauchermarkt mit steigender Kaufkraft und wachsendem Interesse an internationalen Produkten zu erschließen. So steigt zum Beispiel die Nachfrage nach deutschen Premium-Automarken in Indien weiter an, die in Deutschland rückläufig ist.

Infrastrukturinvestitionen stärken den Wirtschaftsstandort

Während vor allem innere Faktoren Indiens wirtschaftliche Entwicklung vorantreiben, investieren internationale Unternehmen immer stärker in das Land. Multinationale Unternehmen aus Europa, aber auch von anderswo, bauen im südasiatischen Land Standorte auf, um sowohl den indischen Binnenmarkt zu bedienen als auch dort für den Export in weitere Märkte zu produzieren.

Diese Entwicklung wird unterstützt durch eine Welle inländischer Investitionen in die Infrastruktur, die das Land zu einem immer moderneren Wirtschaftsstandort machen. So wurden mehrere ehrgeizige Verkehrs- und Energieinfrastrukturprojekte angestoßen, wie Autobahnen, Häfen, Flughäfen und Kraftwerke. Deren Größenordnung ist beeindruckend. Schätzungsweise 35.000 Kilometer Autobahn befinden sich im Bau oder in Planung. Den Bau übernehmen größtenteils einheimische Konzerne wie Adani, Tata und Reliance; die indische Regierung tritt bei Großprojekten als Co-Investor auf.

Außerdem treibt Indien die Energiewende voran: Während aus Nepal bereits überschüssiger Strom aus Wasserkraft2 importiert wird, fließen umgerechnet 21,6 Mio. US-Dollar in den Bau eines neuen Werks für Stromtransformatoren in Maharashtra. Dieses Projekt soll die Produktionskapazitäten des Landes stärken und die nachhaltige Transformation beschleunigen. Für europäische Unternehmen bietet sich hier eine klare Chance. Europa verfügt nach wie vor über einen Wettbewerbsvorteil im Bereich spezialisierter Infrastruktur – insbesondere bei Erneuerbaren Energien. Durch Indiens wachsende Investitionen steigt die Nachfrage nach genau diesem Fachwissen, das durch das Freihandelsabkommen leichter zugänglich sein wird.

Über die Infrastruktur hinaus wendet Indien das Modell strategischer 50:50-Investitionen durch öffentliche Hand und Privatwirtschaft in weiteren Sektoren an – insbesondere solchen mit erwartetem hohem Wachstumspotenzial. Mit staatlicher Unterstützung investiert zum Beispiel Tata Electronics schätzungsweise 11 Mrd. US-Dollar3 in den Bau einer Anlage zur Produktion von Halbleitern für zahlreiche Anwendungen in der Automobilindustrie, im Bereich der KI und in anderen Schlüsselbranchen.

Natürlich stellt ein derart dynamischer Markt internationale Unternehmen auch vor Herausforderungen. So gilt für Unternehmen, die mit Indien Handel treiben, weiterhin der CO₂-Grenzausgleichsmechanismus der EU (Carbon Border Adjustment Mechanism, CBAM). Hier hat Indien trotz des Freihandelsabkommens keine Ausnahmegenehmigung erhalten.

Die Herausforderung ist umso größer, als Indiens Energiemix trotz der Bemühungen um eine Umstellung auf grüne Alternativen nach wie vor stark auf Kohle basiert. Wer regelmäßig nach Indien reist, dürfte davon wenig überrascht sein: Im Dezember 2025 erreichte der Luftqualitätsindex in Delhi einen Höchstwert von ca. 400 – deutlich über dem Grenzwert. Tatsächlich könnten Exporteure gezwungen sein, zur Erfüllung der CBAM-Anforderungen CO₂-Zertifikate zu kaufen. Die damit verbundenen Kosten könnten dann einen Teil, wenn nicht gar die gesamten Zollersparnisse aus dem Freihandelsabkommen aufzehren.

Vielfältige regionale Wirtschaft und Investitionschancen

Indien setzt sich eher aus regionalen Wirtschaftsregionen zusammen, als dass es eine homogene Einheit bildet. International tätige Unternehmen müssen sich über die regionale Vielfalt und das regulatorische Umfeld des Landes im Klaren sein.

Vier indische Bundesstaaten ziehen in der Regel die meisten ausländischen Direktinvestitionen an. Ihre Stärken und Vorteile liegen in unterschiedlichen Branchen:

  • Maharashtra ist Indiens Finanzzentrum und ein bedeutender Standort für die Branchen IT, Automobil und Pharma. Viele Unternehmen wählen diesen Bundesstaat daher als Einstiegspunkt.
  • Tamil Nadu im Süden genießt einen guten Ruf als Indiens Zentrum für die Elektronik- und Automobilindustrie und gilt als das „Detroit Asiens“. Dort wird auch ein erheblicher Teil der Apple-Produkte hergestellt. Der Bundesstaat verfügt zudem über Indiens modernste Hafeninfrastruktur – ein weiterer Vorteil für die Industrie.
  • Karnataka und insbesondere dessen Hauptstadt Bangalore sind Indiens wichtigstes Technologiezentrum und Standort globaler Kompetenzzentren internationaler Großkonzerne, wie HP und Dell, die dort aus einem Pool hochqualifizierter, englischsprachiger Fachkräfte schöpfen können.
  • Gujarat schließlich ist für die Erzeugung Erneuerbarer Energien und die Halbleiterfertigung bekannt. Dort befindet sich auch Indiens wichtigstes Projekt im Finanzssektor: die GIFT City.

Diese großen Bundesstaaten konkurrieren aktiv um ausländische Investitionen. Die daraus entstehende Dynamik führt aber nicht zu einer Fragmentierung der Investitionen, vielmehr haben internationale Unternehmen bei der Wahl ihres Investitionsstandorts zahlreiche Optionen.

Lokal vernetzte Bankpartner als Schlüssel zum indischen Markt

Indiens Wachstum bietet unbestritten viele Chancen. Es gibt es aber auch komplexe Herausforderungen für Unternehmen. Auch der Bankensektor des Landes hat seine Besonderheiten. Internationale Unternehmen sollten sich zudem darauf einstellen, dass indische Institutionen sehr selbstbewusst und unabhängig agieren. Die gründliche Kenntnis der Marktmechanismen ist hier unerlässlich.

Für internationale Unternehmen, die Chancen in Indien nutzen möchten, ist die Wahl des Bankpartners daher von entscheidender Bedeutung. Dank ihrer langjährigen Präsenz vor Ort verfügt die Commerzbank über fundierte Kenntnisse des indischen Marktes. Wichtige Pfeiler sind unser lokales Netzwerk und unsere Repräsentanz in Mumbai, wo die Bank seit 1986 vertreten ist.

Mit den richtigen Beziehungen vor Ort und Partnern, die den Markt verstehen, können Unternehmen die weitreichenden Möglichkeiten, die Indien bietet, wesentlich besser nutzen.

Spotlight:
, Die GIFT City soll Investitionen im Finanzdienstleistungssektor anziehen

Die Gujarat International Finance Tec-City (GIFT City) ist Indiens erstes und einziges internationales Finanzdienstleistungszentrum. Die steuerlichen und regulatorischen Rahmenbedingungen dieser Sonderwirtschaftszone sollen internationale Finanzinstitute anziehen und grenzüberschreitende Kapitalströme erleichtern.

Sowohl für Unternehmen als auch Banken bietet die GIFT City große Anreize: Unternehmen profitieren davon, dass auf Kredite aus dem Offshore-Finanzplatz keine Quellensteuer erhoben wird – ein einzigartiger Vorteil gegenüber herkömmlichen Onshore-Finanzplätzen. Banken werden bis zu 25 Jahre steuerfreie Gewinne gewährt; sie können flexibel entscheiden, in welchen Jahren dieses Zeitraums sie davon Gebrauch machen.

Das Ergebnis ist ein äußerst wettbewerbsintensives Umfeld für Fremdwährungseinlagen, das ausländisches Kapital anzieht, unter anderem aus Sri Lanka und Nepal. Nahezu jede große internationale Geschäftsbank ist mittlerweile in der GIFT City vertreten, ebenso wie die Offshore-Niederlassungen der größten Privatbanken Indiens. Firmenkunden entscheiden sich daher für Institute, die ihnen Zugang zu den Vorteilen des Finanzplatzes bieten. Dieses Angebot ist aber längst kein Alleinstellungsmerkmal mehr.

Das könnte Sie auch interessieren

  • Ihr lokaler Partner. Für globalen Erfolg.

    Profitieren Sie von unserer Cash Management und Trade Finance Expertise.
    Denn Ihr Erfolg ist unser Geschäft.

  • Commerzbank Weltweit

    Die Commerzbank-Gruppe verfügt über eine starke weltweite Präsenz durch Tochtergesellschaften, Filialen und Repräsentanzen.