Internationaler Handel und Investitionen
, Neue Wege auf See und an Land: Internationaler Handel zeigt sich robust

Anpassungsfähigkeit und Flexibilität sichern international tätigen Unternehmen Wettbewerbsvorteile.

Jochen Müller, Head of Trade Finance and Cash Management Sales International, und Christian Toben, Divisional Head of Institutional Clients, Emerging Markets & Representative Offices, erörtern im Interview mit IN.sights, warum sich die globalen Handelsströme den steigenden Energiekosten und geopolitischen Spannungen erfolgreich widersetzen und wie Finanzinstitute Kunden beim anspruchsvollen Aufbau von Resilienz helfen können, einen neuen Kurs einzuschlagen.

IN.sights: International tätige Unternehmen erleben derzeit heftige makroökonomische Turbulenzen. Wo sehen Sie aktuell die größten Herausforderungen?

Jochen Müller: Aufgrund der geopolitischen Instabilität der letzten Jahre ist der internationale Handel deutlich komplexer geworden. Das zeigt sich aktuell insbesondere im Nahen Osten. Die Blockade der Straße von Hormus – einer Hauptschlagader des Handels mit Öl und LNG – hat die globalen Schifffahrtsrouten gestört und schlagartig zu Verwerfungen auf den Energiemärkten geführt.

Die Folgen waren weitreichend, nicht nur für die Energiemärkte. Der Anstieg des Ölpreises hat den Inflationsdruck auf Importgüter erhöht; gleichzeitig sind die Fracht-, Versicherungs- und Compliance-Kosten gestiegen.

Christian Toben: Die Verwerfungen gehen weit über den Öl- und Gassektor hinaus. Ein Drittel des weltweiten Seehandels mit Düngemitteln führt durch die Straße von Hormus. Deshalb hat die Blockade erhebliche Auswirkungen auf die landwirtschaftlichen Lieferketten. Betroffen sind auch beträchtliche Mengen an Industrierohstoffen, die aus der Region bezogen werden – darunter Methanol, Polyethylen, Polypropylen, Helium und Aluminium. Gleichzeitig wurden aufgrund der instabilen Lage rund um die Meerenge Bab al-Mandab einige Schifffahrtsrouten vom Roten Meer weg und um Afrika herum verlegt. Die Transitzeiten werden länger und die Abwicklung der globalen Handelsströme ist erschwert.

Jochen Müller: Abgesehen von den unmittelbaren Kostensteigerungen beeinträchtigt die schlechtere Vorhersehbarkeit den globalen Handel und Investitionsentscheidungen erheblich. Deutsche Unternehmen, vor allem in exportorientierten Branchen, sind besonders betroffen. Denn ihre Wettbewerbsfähigkeit leidet bereits unter strukturell hohen Energiekosten, hohen Steuern und vergleichsweise viel Bürokratie.

IN.sights: Wird der Konflikt im Nahen Osten den globalen Energiemarkt dauerhaft verändern? Und wenn ja, welche Auswirkungen hat dies auf die Gesamtwirtschaft?

Christian Toben: Viele der großen Volkswirtschaften sind tatsächlich strukturell deutlich resilienter gegenüber Öl- und Gaspreisanstiegen geworden. Die Abhängigkeit vom Öl ist gesunken, und die Industrieländer verfügen prinzipiell über ausreichende strategische Reserven. Deshalb steigt der Inflationsdruck nicht so extrem wie in den Jahren 2022 und 2023.

Im asiatisch-pazifischen Raum bildet Chinas vergleichsweise starke heimische Produktionsbasis in Verbindung mit beträchtlichen Ölvorräten einen wichtigen Puffer gegen kurzfristige Versorgungsengpässe. Zudem profitieren alternative Energieexporteure von der aktuellen Lage – zum Beispiel Nigeria und Angola.

Bei einigen netto-energieimportierenden Schwellenländern führen die hohen Energiepreise allerdings jetzt schon zu Versorgungsengpässen und belasten die Zahlungsbilanz erheblich.

Zwischenprodukte werden für Unternehmen immer teurer und höhere Kosten für Fracht, Versicherungen und Compliance wirken sich entlang der gesamten Lieferkette aus. Energieintensive Branchen, wie Chemie-, Automobil- und Industrieunternehmen, stehen weiterhin unter großem Druck. Vor allem die verarbeitende Industrie gibt die Belastungen zunehmend über höhere Verkaufspreise weiter. Diese Kostenweitergabe könnte selbst ohne einen gravierenden Angebotsschock dauerhaft für hohe Inflation sorgen.

Vieles wird von der Dauer des Konflikts abhängen und nicht zuletzt davon, ob die Straße von Hormus für den internationalen Schiffsverkehr uneingeschränkt offen bleibt.

Jochen Müller: Letztendlich ist es noch zu früh für eine Einschätzung, inwieweit die jüngsten Ereignisse die globalen Energielieferketten dauerhaft verändern werden.

Bereits jetzt ist allerdings zu beobachten, dass wiederholte geopolitische Schocks den Fokus auf die Themen Energiesicherheit, Diversifizierung und Resilienz lenken. Dies fördert Investitionen in Erneuerbare Energien, alternative Energiequellen und flexible Lieferketten.

IN.sights: Die US-Zölle beherrschten im vergangenen Jahr die Schlagzeilen, denn ihre Auswirkungen auf die globalen Lieferketten sind beträchtlich. Was bedeutet dieser zusätzliche Unsicherheitsfaktor für international tätige Unternehmen?

Jochen Müller: Veränderungen sind für international tätige Unternehmen nichts Neues. Sie haben sich in der Vergangenheit stets gut darauf eingestellt – und von Umbrüchen sogar häufig profitiert. Allerdings leidet das aktuelle makroökonomische Umfeld unter impulsiven Zollentscheidungen, die häufig kurzfristig angekündigt, revidiert oder rückgängig gemacht werden. Dies belastet die Planungssicherheit und erschwert Investitionsentscheidungen zusätzlich. Langfristige Kapitalzusagen werden durch die hohe strukturelle Unsicherheit immer schwieriger: Vorsicht ist das Gebot der Stunde.

Gleichzeitig erweisen sich bestimmte Branchen weiterhin als strukturell widerstandsfähig und wachsen weiter, insbesondere Infrastruktur, Verteidigung sowie Branchen mit Bezug zu KI und Digitalisierung.

IN.sights: Was tun international tätige Unternehmen angesichts dieser Herausforderungen, um resilienter und anpassungsfähiger zu werden?

Jochen Müller: Lieferkettenstrategien wurden und werden erheblich weiterentwickelt. Unternehmen legen mehr Wert auf Flexibilität – also die Fähigkeit, Lieferketten umzulenken, auf eine diversifizierte Lieferantenbasis zugreifen zu können und sich schnell an veränderte Marktbedingungen anzupassen. Es wird selektiver und in kleineren Tranchen investiert, um sich Handlungsspielraum zu bewahren. Zugleich wird die Kapitalallokation immer risikobewusster und kurzfristiger.

Christian Toben: In der Tat ist Anpassungsfähigkeit nichts Neues für die vielen Unternehmen, die vom internationalen Handel abhängen. In den letzten Jahren gab es reichlich Gelegenheiten, diese unter Beweis zu stellen. Viele Unternehmen haben ihre Lieferkettenstrategien als Reaktion auf die Pandemie und die immer stärkere geopolitische Fragmentierung bereits umgestaltet.

Kosteneffizienz hat nun bei vielen keine Priorität mehr gegenüber allen anderen Lieferkettenzielen. Stattdessen legen Unternehmen größeren Wert auf Resilienz: Sie bauen ihre Finanzierungsflexibilität aus, halten mehr Liquidität vor und treffen Vorkehrungen, damit sich die Handelsströme bei veränderten Rahmenbedingungen schnell umgestalten lassen. Unternehmen wählen andere Handelsrouten, diversifizieren ihre Lieferantenbasis und setzen zur Liquiditätssicherung verstärkt auf traditionelle Instrumente der Handelsfinanzierung.

Jochen Müller: Der allgemeine Trend geht weg von hochoptimierten „Just-in-Time“-Modellen hin zu diversifizierteren und resilienteren Lieferketten. Unternehmen erweitern ihre Lieferantenbasis, setzen auf Nearshoring- und Friendshoring-Strategien und schaffen mehr Redundanz in ihren Netzwerken. So verringern sie Konzentrationsrisiken und erhöhen ihre Flexibilität.

Diese stärkere Resilienz erklärt teilweise, warum der Welthandel trotz steigender Energiekosten und geopolitischer Spannungen vergleichsweise robust geblieben ist. Das alles hat jedoch seinen Preis. Höhere Lagerbestände binden Kapital, erhöhen den Finanzierungsbedarf und schränken die Liquidität zusätzlich ein – insbesondere in Branchen, die ohnehin schon mit knappen Margen arbeiten.

IN.sights: Wie können Finanzinstitute wie die Commerzbank Unternehmen im Umgang mit Unsicherheit unterstützen, und welche Lösungen erweisen sich in diesem Zusammenhang als besonders hilfreich?

Jochen Müller: Banken treten immer häufiger als strategische Stabilisatoren auf. Wir übernehmen bei Handelsgeschäften das Kontrahenten- und Länderrisiko. So helfen wir unseren Kunden bei der Risikoreduktion und der Optimierung ihrer Liquidität. Sowohl Banken als auch Unternehmen stützen sich zunehmend auf die traditionellen Trade Finance Instrumente wie bestätigte Akkreditive, internationale Bankgarantien, die Lieferkettenfinanzierung sowie Rohstoff- und Devisenabsicherungen. Ziel ist die Verlagerung von Risiken und die Optimierung der Bilanz.

Christian Toben: Gleichzeitig ändern sich die Erwartungen der Kunden an ihre Bankpartner. Unternehmen haben zunehmenden Beratungsbedarf hinsichtlich Sanktionen, Compliance, Länderrisiken und Kontrahentenrisiken, um sich in einem Umfeld zunehmender Unsicherheit zurechtzufinden – wenn nicht gar davon zu profitieren. Zuverlässiges Fachwissen zu diesen Themen wird daher genauso wichtig wie die Bereitstellung von Handelsfinanzierungen selbst.

Jochen Müller: In diesem Umfeld sind enge Beziehungen zu Banken und internationale Netzwerke entscheidende Erfolgsfaktoren für Unternehmen, die den Anschluss nicht verlieren wollen.

Mit ihrer Präsenz in mehr als 40 Ländern, engagierten Kundenbetreuern, Produktexperten und einem globalen Korrespondenzbankennetzwerk hilft die Commerzbank ihren Kunden, in einem zunehmend komplexen makroökonomischen und geopolitischen Umfeld zu bestehen. Handelsfinanzierungsexperten arbeiten Hand in Hand mit engagierten Kundenbetreuungsteams und decken so das gesamte Trade-Finance-Spektrum lückenlos ab. Angesichts der sich verlagernden Handelskorridore ist zudem die langjährige Expertise der Commerzbank in den Bereichen Erneuerbare Energien, Rohstoffe und Infrastrukturfinanzierung gefragter denn je.

Christian Toben: Der Welthandel hat sich als weitaus resilienter erwiesen, als viele erwartet hatten. Doch diese Resilienz ist heute mit operativen und finanziellen Kosten verbunden. Die geopolitische Fragmentierung hat auch weiterhin Auswirkungen auf Handelswege und Investitionsentscheidungen – ohne Anzeichen für eine Trendumkehr.

Dank ihrer internationalen Präsenz in Verbindung mit fundierter Expertise vor Ort unterstützt die Commerzbank ihre Kunden auch dann, wenn die Planungssicherheit schwindet und sich Anlagehorizonte verkürzen. Anpassungsfähigkeit und enge Beziehungen zu Banken werden zunehmend darüber entscheiden, welche Unternehmen Umbrüche nicht nur überstehen, sondern auch daraus Kapital schlagen können.

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