Sustainable Finance / Internationaler Handel, Finanzierung einer widerstandsfähigeren Wirtschaft: Anpassungsfinanzierungen gewinnen an Bedeutung
Der praktische wirtschaftliche Nutzen von Anpassungsfinanzierungen nimmt mit Blick auf Lieferkettensicherheit und Energieresilienz zu.1
Sven Schmidt, Head International Trade Finance Operations bei der Commerzbank, erläutert, warum Unternehmen zunehmend in Anpassungsfinanzierungen und physische Klimaresilienz investieren – und wie Banken als Antwort darauf ihre Lösungen gestalten, um das reibungslose Funktionieren globaler Lieferketten zu unterstützen.
Sustainable Finance ist bereits ein fester Bestandteil von Unternehmensfinanzierungen, und nun scheinen zunehmend Investitionen in Anpassungsfinanzierungen zu fließen. Was genau sind Anpassungsfinanzierungen, und wo liegt der Unterschied zu anderen Sustainable-Finance-Bereichen?
Nachhaltige Finanzierung berücksichtigt Umwelt-, Sozial- und Governance-Aspekte bei Finanzierungsentscheidungen und lenkt Kapital in Aktivitäten, die zu einer nachhaltigeren Wirtschaft beitragen. Die Anpassungsfinanzierung ist Teil der nachhaltigen Finanzierung und konzentriert sich speziell auf die Stärkung der Widerstandsfähigkeit gegenüber den Folgen des Klimawandels.
Unter Anpassungsfinanzierung verstehen wir öffentliche und private Finanzmittel für Maßnahmen, die die Verwundbarkeit gegenüber gegenwärtigen oder erwarteten Folgen des Klimawandels verringern, die Anpassungsfähigkeit stärken und die Widerstandsfähigkeit menschlicher und natürlicher Systeme erhöhen. Dieses Verständnis orientiert sich an den Anpassungskonzepten des IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) und dem Klimafinanzierungsrahmen der UNFCCC (United Nations Framework Convention on Climate Change). Während Finanzierungen zur Minderung von Klimafolgeschäden darauf abzielen, den Klimawandel insbesondere durch die Verringerung von Treibhausgasemissionen zu begrenzen, richtet sich die Anpassungsfinanzierung auf den Umgang mit seinen bereits eingetretenen oder erwarteten physischen Folgen.
Ein wachsender Anteil der Unternehmenskredite und -anleihen in Europa enthält nachhaltigkeitsbezogene Merkmale – entweder durch eine zweckgebundene Mittelverwendung oder durch eine an vorab definierte Nachhaltigkeitsziele gekoppelte Preisgestaltung und weitere Konditionen.
Unternehmen haben Sustainable Finance lange vor allem aus einer regulatorischen und Compliance-bezogenen Perspektive betrachtet – und der Fokus der Aufsichtsbehörden lag insbesondere auf dem Klimaschutz (Mitigation). Aktuell sehen wir jedoch, dass Unternehmen eine zunehmend strategische Herangehensweise verfolgen und sich dabei auf Widerstandsfähigkeit und Wettbewerbsfähigkeit fokussieren. Hier kommen Anpassungsfinanzierungen ins Spiel, d. h. Investitionen in Systeme und Geschäftsmodelle, die Unternehmen und Infrastruktur besser gegen physische Klimarisiken wappnen. Nach Angaben der Weltbank kann jeder Dollar, der in Klimaresilienz investiert wird, bis zu vier US-Dollar an vermiedenen Verlusten und wirtschaftlichen Vorteilen einbringen.
Welche physischen Klimarisiken sind für Unternehmen am relevantesten, und wie können Anpassungsfinanzierungen sie widerstandsfähiger und wettbewerbsfähiger machen?
Physische Klimarisiken beeinträchtigen bereits heute Infrastruktur und Lieferketten, von denen der internationale Handel abhängt. In diesem Sommer jagte in Europa eine Hitzewelle die nächste und in einigen Abschnitten des Rheins – der wichtigsten Handelswasserstraße Deutschlands – fielen die Pegelstände im August auf Rekordtiefstwerte von nur 10 cm. Frachtschiffe konnten keine Güter mehr befördern, da der Fluss praktisch nicht mehr befahrbar war. Große, am Flussufer gelegene Industrieunternehmen kämpften mit sofortigen Produktionsverzögerungen und konnten vertragliche Liefertermine nicht einhalten.
In anderen Teilen Europas beeinträchtigten niedrige Wasserstände die Kühlung von Atomkraftwerken, die ihr Kühlwasser aus Flüssen beziehen. Dies führte zu operativen Problemen – mit entsprechenden Auswirkungen auf die Stromversorgung und kritische Lieferketten.
In diesem Kontext sind Unternehmen bestrebt, widerstandsfähige Lieferketten aufzubauen und die Energieversorgung zu wettbewerbsfähigen Preisen sicherzustellen. Sie setzen deshalb strategisch nicht mehr auf allgemeine Emissionsverringerungsziele, sondern gehen dazu über, sich Anpassungsziele zu geben. Die Industrie baut auf praktische Konzepte, die ihre Widerstandsfähigkeit gegenüber physischen Klimarisiken stärken und gleichzeitig der alltäglichen betrieblichen Realität Rechnung tragen.
Unternehmen investieren zunehmend in diversifizierte Energiequellen, um ihre Abhängigkeit von externen Lieferanten zu verringern und die Energiesicherheit zu verbessern. Erneuerbare Energien bedeuten deutlich niedrigere operative Kosten, wenn die entsprechende Infrastruktur erst einmal aufgebaut ist, und verringern gleichzeitig die Abhängigkeit von Lieferanten und volatilen Preisen für fossile Brennstoffe.
Tatsächlich beteiligen sich einige deutsche Unternehmen an Solarparks, investieren in eigene Windkraftanlagen und verpflichten sich zu umfangreichen Transformationsprojekten. Dabei geht es nicht unbedingt nur um einen Beitrag zum Klimaschutz, sondern auch um strategische Investitionen, die operative Stabilität und planbare Kosten über die nächsten 20 bis 30 Jahre sicherstellen sollen. Diese Ausweitung der Unternehmenstätigkeit muss natürlich angemessen – und angesichts des erforderlichen Umfangs auch in ausreichendem Maße – finanziert werden.
Wir haben bereits darüber gesprochen, wie Unternehmen in den Schutz ihrer Lieferketten investieren. Das führt uns zurück zum internationalen Handel: Wie verändert er sich, und passen Finanzinstitute ihre Trade-Finance-Lösungen an, um den sich verändernden Bedürfnissen Rechnung zu tragen?
Die Investitionen, die Unternehmen in Resilienz tätigen, wirken sich auch darauf aus, wie Güter hergestellt und vertrieben werden. Der Einsatz sauberer Technologien entwickelt sich für Exportunternehmen zu einem Wettbewerbsvorteil. In Deutschland beispielsweise belief sich das Exportvolumen von Umwelttechnologie („Green Tech“) im Jahr 2023 auf 132Mrd. Euro. Das entspricht 13 Prozent des weltweiten Handels mit „Clean Tech“-Gütern – deutlich mehr als der Anteil Deutschlands von ca. 7 Prozent am gesamten Welthandel.2
Auf der Finanzierungsseite deuten aktuelle Trends und zur Verfügung stehende Daten auf eine zunehmende Integration von Nachhaltigkeitskriterien in den Handel und in den Trade-Finance-Bereich hin. So berücksichtigen laut Informationen der Asiatischen Entwicklungsbank (ADB) 90 Prozent der Banken in ihren Trade-Finance-Entscheidungen Umwelt-, Sozial- und Governance-Faktoren (ESG-Faktoren).
Doch es gibt auch Herausforderungen. Viele Handelsgeschäfte sind entlang kurzfristiger Güterflüsse ausgestaltet, und Banken wissen zum Zeitpunkt der Transaktionsanbahnung selten, wie diese Güter schlussendlich verwendet werden. In solchen Fällen führen Taxonomien für Projektfinanzierungen und Anleihen, die von einer vollständigen Transparenz des Verwendungszwecks ausgehen, zu Problemen im Hinblick auf die Akkreditive, Garantien oder Zahlungsverpflichtungen.
Wie kann der Trade-Finance-Sektor diesen Herausforderungen begegnen?
Ohne ein international anerkanntes, handelsspezifisches Rahmenwerk steigt das Risiko irreführender oder unbelegter Aussagen zu Umwelt- und Sozialaspekten. Dies kann dazu führen, dass weniger Kapital in tatsächlich nachhaltige Handelsaktivitäten fließt. Daher ist mehr Transparenz erforderlich.
Die Prinzipien für nachhaltigen Handel und nachhaltige Handelsfinanzierung (PSTF)3 der Internationalen Handelskammer (ICC) adressieren dieses Problem sehr konkret. Sie wurden gemeinsam mit vielen verschiedenen Interessenvertretern aus der Industrie und der Bankenbranche entwickelt und geben einen weltweit anwendbaren Rahmen vor, um Handelsfinanzierungen als grün, sozial oder nachhaltigkeitsbezogen einzustufen. Die Commerzbank gehörte im Juni 2025 zu den ersten vier Banken weltweit, die die ICC-PSTF unterstützen; eine zweite Gruppe von sieben Banken folgte im November 2025.
Die ICC-PSTF bewerten Transaktionen aus zwei Perspektiven und liefern damit klare Definitionen, um nachhaltigen Handel in der Praxis umzusetzen:
- Zweckorientierte Bewertungen: Diese werden angewendet, wenn der Verwendungszweck bekannt ist, beispielsweise bei Garantien, Stand-by-Akkreditiven oder Finanzierungen durch Exportkreditagenturen.
- Güterbasierte Bewertungen: Diese werden angewendet, wenn nur der physische Gegenstand bekannt ist, beispielsweise bei Import-Akkreditiven, bei der Finanzierung von Verbindlichkeiten oder beim Factoring.
So wie Akkreditive weltweit den ERA-600-Regeln unterliegen, sollen die ICC-PSTF einheitliche und weltweit anerkannte Good-Practice-Standards für nachhaltige Handelsfinanzierungen schaffen.
Anpassungsmaßnahmen können nur dann erfolgreich sein, wenn sie weltweit – auch in sich entwickelnden Ländern – umgesetzt werden. Ist Ihrer Meinung nach die erforderliche multilaterale Unterstützung für Anpassungsmaßnahmen sowie für Sustainable Finance im weiteren Sinne vorhanden?
Ja, ohne Zweifel. Wir können nicht in Industrieländern Standards setzen und diese dann „exportieren“ bzw. anderen als zusätzliche Compliance-Belastung aufbürden. Entwicklungsländer sind denselben physischen Klimarisiken ausgesetzt wie z. B. die Länder Europas – oft in noch stärkerem Maße. Die wirtschaftlichen Argumente für eine Finanzierung der Widerstandsfähigkeit sind universell gültig. Die Trockenheit, die in diesem Sommer dem Rhein zugesetzt hat, ist kein Einzelfall; ähnliche Phänomene lassen sich auch in Flusssystemen in Südasien, Afrika südlich der Sahara und Lateinamerika beobachten.
Multilaterale Institutionen oder Entwicklungsbanken spielen bereits eine entscheidende Rolle bei der Vernetzung von Industrie- und Entwicklungsländern, und viele von ihnen arbeiten daran, Anpassungs- und Klimaschutzziele zu fördern.
Die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) fungiert dabei mit ihrem Programm zur Handelsförderung (TFP) als zentrale Brücke zwischen den Märkten. Das TFP soll zum Ziel der EBRD eines mindestens 50-prozentigen Anteils grüner Finanzierungen an ihrem jährlichen Geschäftsvolumen beitragen. Das im Jahr 2016 eingeführte „Green TFP“ der EBRD ist eine eigenständige Teilinitiative unter dem breiter gefassten TFP, die seit Kurzem an Dynamik gewinnt.
Die EBRD stellt Garantien mit AAA-Rating für Akkreditive, die von Banken in risikoreicheren Märkten eröffnet werden. Sie ermöglicht damit Transaktionen, die Geschäftsbanken aus Industrieländern andernfalls nicht zu tragfähigen Konditionen – oder in manchen Fällen gar nicht – unterstützen könnten. So hat die Commerzbank kürzlich ein von einer ukrainischen Bank eröffnetes Akkreditiv zur Finanzierung eines nachhaltigen landwirtschaftlichen Bewässerungssystems zu einem wettbewerbsfähigen Zinssatz bestätigt, weil die EBRD das Akkreditiv mit einer Garantie abgesichert hatte.
Die genannten Bemühungen um Transparenz und eine Vereinheitlichung von Standards sind hier ebenfalls hilfreich. Die EBRD hat die Entwicklung der ICC-PSTF genau beobachtet und arbeitet nun aktiv daran, ihr TFP an den ICC-Bewertungskriterien auszurichten. Auch die ADB wendet rahmenwerkbasierte Nachhaltigkeitskriterien auf alle Handelsfazilitäten an.
Wie unterstützen Banken Firmenkunden und mittelständische Unternehmen bei Investitionen in Anpassungsinitiativen, die deren Wettbewerbsfähigkeit stärken?
Während große Konzerne in der Regel über interne Nachhaltigkeitsabteilungen verfügen, fehlen kleineren Unternehmen wie denen des deutschen Mittelstands häufig Ressourcen, um ausreichend Zeit oder Mittel für Themen wie Nachhaltigkeit oder Anpassung aufwenden zu können.
Diese Unternehmen brauchen einen Bankpartner, der die Rahmenbedingungen für sie überblickt – und ihnen so hilft zu verstehen, welche staatlichen Förderprogramme für ihre Branche gelten, was die ICC-Prinzipien für ihre Trade-Finance-Vereinbarungen bedeuten, wo ihre Lieferkette physischen Klimarisiken ausgesetzt ist und wie diese Risiken finanziert oder abgeschwächt werden können.
Die CO₂-Abscheidung und andere CO₂-Reduktionstechnologien erfordern beispielsweise komplexe Finanzierungsstrukturen und Garantiemechanismen. Für Kunden, die möglicherweise nicht einmal von der Existenz solcher Programme wissen, beginnt die Rolle des Bankpartners lange vor der eigentlichen Finanzierung.
Darüber hinaus können spezifische Lösungen angeboten werden. Unter der Führung der Förderbank KfW und ihres Programms „Venture Tech Growth Financing“ finanziert die Commerzbank speziell Unternehmen, deren Geschäftsmodelle oder Technologien sich durch Nachhaltigkeit auszeichnen. Sie unterstützt dabei schnell wachsende Unternehmen, die häufig kein Investment-Grade-Rating haben und andernfalls nur schwer ausreichend Kapital für ihre Vorhaben erhalten würden.
Schließlich ermöglichen Banken auch komplexe grenzüberschreitende Strukturen. Für internationale Firmenkunden, die millionenschwere Erneuerbare-Energien-Projekte global umsetzen, können Finanzinstitute über ihre lokalen Filialnetzwerke in Kernmärkten direkte Garantien stellen und gleichzeitig mit Bankpartnern vor Ort zusammenarbeiten, um lokale Fronting-Garantien zu stellen.
Wie wir schon bei den ICC-Prinzipien gesehen haben, sind die nötigen Rahmenwerke vorhanden, um nachhaltigen Handel in großem Maße zu fördern. Jetzt geht es darum, dass die Institutionen, die im Rahmen dieser Strukturen agieren wollen - Banken, Entwicklungspartner, Exportkreditagenturen und Unternehmen - diese Rahmenwerke einführen, konsequent umsetzen und kontinuierlich ausbauen.
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Deloitte and KfW (October 2025): The economic benefits of climate action – How decarbonization can enhance competitiveness and growth.
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ICC (2025): ICC Principles for Sustainable Trade and Trade Finance
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Hinweis: Die Inhalte dieser Seite richten sich ausschließlich an Unternehmen, professionelle oder institutionelle Kunden und nicht an Verbraucher. Nachhaltigkeitsbezogene Aussagen zu vorgestellten Unternehmen beruhen auf Angaben des jeweiligen Unternehmens.